Mit den Händen etwas erschaffen beruhigt die Seele und bringt mindestens so viel Energie wie eine Lektion Yoga. Kein Wunder, boomen Töpferkurse. Ein Besuch in der neuen Töpferei Tasslischmitte in Steffisburg.
Text: Maria Künzli, Bilder: zvg

Im Kopf ist es bereits fertig: ein kleines Schiffchen, rot-weiss vielleicht, das als Aufbewahrung für Krimskrams wie Schlüssel oder Schmuck dient. Auf dem Tisch liegt da aber bloss ein nasser brauner Tonklumpen. Irène Forrer stellt eine Schale mit Wasser auf den Tisch und wirft ihrem Gegenüber einen ermutigenden Blick zu. Also Leinen los: Der Ton fühlt sich kalt an und ist weniger hart als erwartet. Jeder Fingerdruck hinterlässt sofort eine Wölbung. «Manche trauen sich am Anfang fast nicht, den Ton anzufassen», erzählt Irène Forrer. «Andere kneten einfach mal drauflos.» Man sehe in den Menschen hinein, wenn er töpfere, das sei sehr spannend. Auf jeden Fall verrate die Art, wie jemand mit Ton umgehe, viel über den Menschen, stimmt Noel Gilomen zu. Gemeinsam betreiben die beiden seit Frühling 2025 die Töpferei Tasslischmitte in Steffisburg bei Thun.

Zwei Generationen – eine Passion
Die Tasslischmitte ist Laden, Atelier und Kurslokal zugleich: Töpferkurse können als Einzelperson oder als Gruppe gebucht werden. Modellieren von Hand oder an der Töpferscheibe – alles ist möglich. Auch das Bemalen von Tongefässen ist Teil des Angebots. Denn Irène Forrer ist beides, gelernte Töpferin und gelernte Keramikmalerin – und das seit 45 Jahren. «Eigentlich wäre ich im Pensionsalter, aber ich will nicht aufhören», sagt die 65-Jährige und lacht. Während sie spricht, bemalt sie eine selbstgetöpferte Tasse. Einfach nur stillsitzen und nichts tun – nicht ihr Ding. Die Töpferlehre absolvierte sie in den 1970er-Jahren in Biel und ging anschliessend ins Berner Oberland, weil es damals in dieser Region am meisten Töpfereien gab. «Bern war weit herum berühmt für seine Töpfer. Jeder hatte eine andere Handschrift, die man sofort wiedererkannte.»
Noel Gilomen hingegen ist kreativer Quereinsteiger. «Vor zwei Jahren besuchte ich bei Irène einen Töpferkurs und wurde sofort mit dem Töpferfieber angesteckt», erzählt der 27-Jährige. «Vor allem das Kreieren fasziniert mich sehr. Aus einem Klumpen Ton lässt sich alles gestalten, nichts ausser das Material selbst setzt einem Grenzen.» So blieb er dabei, übte, kreierte, entwickelte sich weiter. Und schliesslich packte Noel Gilomen, der ursprünglich einen handwerklichen Beruf erlernt und später als Betreuer in einer sozialen Einrichtung gearbeitet hat, die Chance, ganz aufs Töpfern zu setzen: Gemeinsam mit Irène Forrer, die bereits an verschiedenen Standorten erfolgreich Geschäfte betrieben hatte, stieg er Vollzeit in die Tasslischmitte ein.

Hilfestellung, aber keine Vorgaben
In der Töpferei in Steffisburg kann man allerlei Getöpfertes kaufen: von kleinen Feen über Tassen, Pflanzentöpfe bis hin zu Aschenbechern. Von verspielt-märchenhaft bis witzig-abstrus. Irène Forrer und Noel Gilomen lieben es, ihr Wissen und ihre Begeisterung für das Handwerk weiterzugeben. Damit die Kreativität möglichst frei fliessen kann, geben sie bewusst keine Vorgaben – dafür bei Bedarf gerne Hilfestellung während des Prozesses. Und dieser macht etwas mit einem: Nach getaner Arbeit fühlt man sich so entspannt und energiegeladen wie nach einer Stunde Yoga. Und das rotweisse Schiffchen? Es wurde am Ende ein lindgrünes Blatt. Nicht perfekt – aber einzigartig.